Einführung
Das Projekt Mädchenfahrradwerkstatt – kurz Mfw – soll Motivation und Ausbildungsfähigkeit von Mädchen im Bereich technischer Berufe nachhaltig fördern. Insbesondere gegenüber einem noch für Frauen untypischen Berufsfeld wie der Fahrradtechnik bestehen bei den meisten Mädchen aufgrund von verinnerlichten geschlechtsspezifischen Rollenmustern Berührungsängste und Hemmschwellen sowie daraus resultierende Unsicherheiten. KidBike e. V bietet in Kooperation mit dem Mädchenprojekt „Alia“, dem Zentrum für Mädchen und junge Frauen in Berlin Kreuzberg, Mädchen mit einer Fahrradwerkstatt eine unkonventionelle Möglichkeit zur Erweiterung beruflicher Perspektiven an. Dies sollen sie in einem Rahmen tun können, der frei von Scham gegenüber oder gut gemeinter Hilfe von Jungen ist.

Verortung
Die Mädchenfahrradwerkstatt befindet sich auf dem Gelände des Zentrums für Mädchen und junge Frauen, Alia, in der am Hauptgebäude angeschlossenen Remise. Alia selbst ist in einem Hinterhof mitten im Wrangelkiez verortet. Das Angebot des Zentrums für Mädchen und junge Frauen Alia kann parallel genutzt werden. Von November bis März bleibt die Mädchenfahrradwerkstatt aufgrund des Fehlens einer funktionierenden Heizung geschlossen.

Gesetzlicher Rahmen
Die Mfw ist ein Angebot des KidBike e. V. im Rahmen der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags (vgl. §§ 1, 9, 11 KJHG) fördert die Mädchenfahrradwerkstatt Mädchen und junge Frauen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Die Förderung gesellschaftlicher Mitverantwortung, Selbstbestimmung setzen dabei an der individuellen Lebenswelt der Nutzerinnen an. Die Mädchenfahrradwerkstatt ist integriert in das Gemeinwesen und steht in Austausch mit dem unmittelbaren sozialen Umfeld („Familie“) und soziale Institutionen (öffentliche und freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe, Schulen, usw.)

Die Mädchenfahrradwerkstatt folgt den Grundprinzipien der Offenheit, Freiwilligkeit, Partizipation, Geschlechtergerechtigkeit und Lebensweltorientierung. Sie verbindet Elemente von „Kommstrukturen“ (Fahrradwerkstatt) und arbeitet in aufsuchender Weise mit Einrichtungen Dritter wie Schulen und Kinder- und Jugendfreizeitstätten.

Zielgruppe
Die Mädchenfahrradwerkstatt richtet sich an alle Mädchen und junge Frauen bis 27 Jahren. Dabei legen wird das Hauptaugenmerk auf Mädchen mit Migrations- und/oder Fluchthintergrund in Kreuzberg und angrenzende Stadtteile Berlins (Randregionen zu Lichtenberg, Neukölln, Prenzlauer Berg, Mitte) gelegt. Der Wrangelkiez als unmittelbarer Nachbarschaft ist zentrales Einzugsgebiet der Mfw.

Inklusion ist eines der wichtigen Ziele der Mfw. Wir verstehen Inklusion als ein Prozess in dem Menschen unabhängig ihres sozioökonomischen, kulturellen Hintergrunds, ihres Lebensstils, Weltanschauung, sexueller Orientierung oder anderen identitätsstiftenden Aspekten willkommen sind.

Berlin Kreuzberg ist ein Stadtteil, der sich durch eine multikulturelle Bevölkerung auszeichnet, in dem Normen und Werte, kulturelle und ethnische Hintergründe von Menschen aus der gesamten Welt in Austausch treten. Im Wrangelkiez leben vor allem Menschen mit (in-)direkten familiären Wurzeln aus dem Arabischen Raum und aus Polen. Als Alltagssprache dominieren insbesondere Türkisch, Kurdisch, Arabisch und Polnisch. Dies stellt in der Kommunikation vor allem mit Eltern/Erziehungsberechtigten eine Herausforderung dar.
Ziele der pädagogischen Arbeit Die Mädchenfahrradwerkstatt leistet einen aktiven und nachhaltigen Beitrag in den Bereichen Bildung, Verantwortung, Integration und Prävention. Das offene Angebot ergänzt den staatlichen Auftrag der Bildung von Kindern und Jugendlichen.

Die praktische Auseinandersetzung mit dem Fahrrad als Fortbewegungsmittel, dessen Instandsetzung und –haltung sowie deren soziokulturellen Bedeutung in unterschiedlichen Regionen der Erde ist Kern non-formale rund informeller Bildungsprozesse. Der Besitz eines eigenen Fahrrads geht mit Verantwortung einher. Verantwortung für die Verkehrssicherheit (Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen Verkehrsteilnehmer/innen) durch regelmäßige Pflege und Wartung. Dies setzt Kompetenzen (Wissen und Fähigkeiten) über notwendige Instand- und Pflegemaßnahmen, Gebrauch von Werkzeugen sowie Regeln im Straßenverkehr voraus.

Durch den Erwerb fachlich-handwerklicher Kompetenzen trägt die Mfw aktiv zum Abbau von geschlechtsspezifischen Stereotypen („Technik ist nichts für Mädchen“) und bietet zugleich einen potentiellen Anknüpfungspunkt für berufliche Perspektiven.

Der Erwerb und die Stärkung sozialer, persönlicher und kultureller Kompetenzen sind integraler Bestandteil fachlich-pädagogischer Anleitung sowie der gemeinsamen praktischen Arbeit am Fahrrad („peer-to-peer-education“) in einem geschützten Rahmen. Durch das Fortbewegungsmittel Fahrrad erhalten die Mädchen und jungen Frauen mehr Unabhängigkeit, sie haben die Möglichkeit kostenfrei von A nach B zu kommen. Die Nutzerinnen erhalten die Möglichkeit sich neue geografische Freiräume zu erschließen, neue soziale Kontakte durch das Aufsuchen anderer Angebote und Einrichtungen bspw. der Kinder- und Jugendarbeit zu schließen. Die Mfw leistet damit einen nachhaltigen Beitrag zur substanziellen Erweitung von Handlungs- und Freiräumen in der individuellen Lebenswelt. Zugleich trägt die Mfw zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Heranwachsenden bei, die tendenziell weniger körperlich aktiv sind. Die Nutzung des Fahrrads bedeutet Bewegung. Sie ermöglicht und vermittelt ein spezielles Körpergefühl (präventive Gesundheitsförderung).

Formen pädagogischer Arbeit
Sie verbindet Elemente von „Kommstrukturen“ (Fahrradwerkstatt) und arbeitet in aufsuchender Weise mit Einrichtungen Dritter (Kooperationen mit Schulen). Der Alltag ist gekennzeichnet durch Freiwilligkeit, Offenheit, gegenseitigem Respekt und Geduld in der gemeinsamen Arbeit. Die wohlwollende Atmosphäre ist allerdings nicht mit einer allgemeinen Beliebigkeit zu verwechseln. Grenzen werden klar dort gesetzt, wo Diskriminierung, Rassismus und Sexismus ins Spiel kommen.

Die Mädchenfahrradwerkstatt wird durch eine weibliche pädagogische Fachkraft betreut. Sie steht den Mädchen und jungen Frauen als kompetente Ansprechpartnerin jederzeit für Fragen zur Verfügung (stationäre Werkstatt). In ihrer Professionalität verbindet sie Arbeit auf gleicher Augenhöhe mit ihrer Vorbildfunktion. Die Nutzerinnen können sich leicht mit ihr identifizieren. Das Projekt bestärkt die Mädchen und jungen Frauen.

Durch die professionelle Begleitung durch eine pädagogische Fachkraft wird das Wissen der Mädchen über Technik und Verkehrssicherheit ausgebaut und vertieft. Mit dem genderspezifischen und gendersensiblen Ansatz bricht das Projekt mit gesellschaftlichen geschlechtsbezogenen Stereotypen. Die Mädchen und jungen Frauen werden über die selbständige Arbeit mit Werkzeug und Technik Perspektiven über klassische Berufsfelder hinaus sensibilisiert. Die Mfw stärkt nachhaltig das Selbstbild und Selbstwert der Zielgruppe.

Ziele und Formen der Zusammenarbeit mit den Eltern sowie mit anderen Institutionen
Die Mädchenfahrradwerkstatt ist ein Angebot der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Das niedrigschwellige Projekt ist fester Bestandteil des Gemeinwesens Wrangelkiez. Die Lebenswelt der Mädchen und jungen Frauen ist Ausgangspunkt des Projektes. Das Projekt teilt mit den Nutzerinnen das soziale Milieu, das unmittelbare soziale Umfeld mit seinen Menschen und Einrichtungen. Beide nehmen wechselseitig direkt und indirekt aufeinander Bezug.

Die Mädchenfahrradwerkstatt geht mit ihrem gemeinwesenorientierten Ansatz aktiv auf die Lebenswelt der Nutzerinnen ein. Der Auftrag des Projektes generiert sich aus den Bedürfnissen und Bedarfen der Mädchen und jungen Frauen. Ihre Wünsche und Ziele sind leitend für die Mädchenfahrradwerkstatt.
Die praktische Umsetzung der Wünsche und Bedürfnisse der Nutzerinnen macht eine enge Kooperation und einen Austausch mit den Einrichtungen des Gemeinwesens, mit Entscheidungsträger(-inne)n des öffentlichen Lebens, die Jugendverkehrsschulen und nicht zuletzt den Eltern, der Familie der Mädchen und jungen Frauen notwendig. Die pädagogische Fachkraft im Besonderen und der Verein KidBike e. V. ist Ansprechpartner/in. Sie sind Befähiger und Mittler für einen substanziellen, qualitativen und quantitativen Ausbau der Lebensqualität der Mädchen und jungen Frauen.

Fortbildung und Qualitätssicherung
Die Qualität unserer Arbeit sichern wir durch regelmäßige Dienstbesprechungen, bedarfsorientierter Fort- und Weiterbildung der pädagogischen Fachkraft sowie durch die kontinuierliche Anpassung des Angebots der Mfw an die Bedarfe, dies über explizit einzuholende Feedbacks bei der Zielgruppe.

Stand: 11.04.2016